Nach der Legende kam im 6. Jahrhundert ein indischer Mönch nach China. Er hatte sich auf den langen Weg gemacht, um in China seine Vorstellung vom Buddhismus zu verbreiten, die man später Chan nennen sollte. Sein Name war Bodhidharma oder abgekürzt Dharma, was «buddhistische Lehre» bedeutet. Später wurde er in China einfach Damo genannt. Er kam mit einem Schiff in der chinesischen Stadt Guangzhou an und machte sich, nach einer Audienz beim Kaiser, von dort auf den langen Weg in den Norden des Landes. Nach einiger Zeit stiess er zufällig auf das buddhistische Kloster Shaolin. Im Shaolin wurden seit vielen Jahren buddhistische Werke aus dem Sanskrit in die chinesische Sprache übersetzt.

Als Bodhidharma dort ankam, befürchtete der Abt, dass die Chan-Lehre des Neuankömmlings die traditionellen Glaubenssätze des Klosters stören könnten. Er wies Damo deshalb an, ausserhalb des Klosters zu wohnen. Damo suchte sich darauf hin eine nahe gelegene Höhle als Unterschlupf und begann dort mehere Jahre zu meditieren. Die Legende erzählt, dass seine tiefblauen, stechenden Augen am Ende seiner neun Jahre währenden Meditation eine klaffende Vertiefung in den Stein gebohrt hatten. Nachdem der Abt dies gesehen hatte, konnte er Damos offensichtliche Autorität nicht länger leugnen.

Damo zog daraufhin als erster Patriarch des Chan in das Shaolin-Kloster ein und erschrak über die nachlässig dösenden Mönche und über die Art und Weise, wie sie ihre Meditation verrichteten. Ihre Muskeln waren schlaff, ihre Körper kraftlos und nicht in der Lage, eine mentale Übung durchzustehen. Damo lehrte seinen Schülern, dass Körper und Geist nicht voneinander zu trennen waren. Die Einheit der beiden Seiten musste für die Erleuchtung gestärkt werden, und die Mönche gewannen an physischer und psychischer Gesundheit, als Damo gezielte Übungen zur Stärkung von Körper und Geist im Kloster einführte. Nachdem Damo 536 – vermutlich an einer Vergiftung – gestorben war, blieben diese Übungen ein fester Bestandteil des Klosterlebens und wurden damit zur Basis der weltberühmten Shaolin-Kampfkünste.